Interview mit dem Projektkonsortium ReKo

Der Startschuss von ReKo (Regionales Pflegekompetenzzentrum) ist schon eine Weile her – seit August 2019 besteht das Projekt schon. Genug Zeit, um einmal einen Einblick in den Verlauf des Projektes zu gewinnen.


Milorad Pajovic

ReKo Gesamtprojektleitung und Head of Care Research der DAK-Gesundheit

Die DAK-G hat im Projekt ReKo die Konsortialführung. Wie zufrieden sind Sie bislang mit dem Verlauf des Projektes?

Mit dem ReKo-Projekt wollen wir einen wesentlichen Beitrag zu einer integrierten und bedarfsgerechten Pflegeinfrastruktur im Landkreis Emsland und der Grafschaft Bentheim leisten. Wir freuen uns ausgesprochen, dass es uns zusammen mit unseren Konsortialpartnern gelungen ist, in beachtlich kurzer Zeit eine funktionierende Case Management Organisation aufzubauen.

Durch diese Case Management Organisation optimieren wir die Vernetzung der vor Ort an der Pflege beteiligten Akteure und machen die vorhandenen Ressourcen besser nutzbar.

Für die Projektteilnehmer in beiden Landkreisen, also Menschen mit Unterstützungsbedarf, Personen mit Pflegebedarf sowie pflegende Angehörige leisten die Case Managerinnen und Case Manager einen wesentlichen Beitrag zur

Stärkung der Selbstbestimmung, Erhalt der Leistungsfähigkeit und schaffen die Voraussetzungen, dass Menschen mit Pflegebedarf so lange als möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können.

Was hat Sie im Projekt ReKo bislang positiv überrascht?

Lassen Sie mich drei besonders erfreuliche Aspekte aufgreifen.

Zum ersten fühlten wir uns in jeder Phase dieses Projektes durch beide am Projekt beteiligten Landkreise und die Pflegestützpunkte in der Region, wirkungsvoll unterstützt.

Zum zweiten ist es unseren Projektpartnern vor Ort sehr gut gelungen einen qualifizierten Personalstab von 15 Case Managerinnen und Case Managern einzustellen. Das gesamte Team hat erfolgreich die dgcc-zertifizierte Case Management Weiterbildung abgeschlossen. Zum dritten konnten wir schon mit dem Start in das aktive Case Management unsere neue entwickelte

Case Management Softwarelösung in Betrieb nehmen, die die Voraussetzung für die Vernetzung aller professionell und informell an der Pflege beteiligten Akteure schafft.

Was sind die weiteren Ziele mit dem Projekt ReKo und darüber hinaus?

Der ReKo-Projektansatz Case Management als Infrastruktureinrichtung und Case Management Organisation, zusammen mit einer funktionierenden Software zu etablieren, findet bundesweite Beachtung. 

Weitere Bundesländer sind im engen Austausch mit ReKo und profitieren von den Projekterfahrungen des laufenden Projekts. Wir sind sehr optimistisch, dass die ReKo-Idee nicht auf den Landkreis Emsland und die Grafschaft Bentheim begrenzet bleiben wird.


Prof. Dr. Frank Teuteberg

Professor für Unternehmensrechnung und Wirtschaftsinformatik (Universität Osnabrück)

Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler

Professor für Pflegewissenschaft (Universität Osnabrück)

Sie unterstützen das ReKo Projekt hinsichtlich der Evaluation und Entwicklung des Case Managements und der IT-Infrastruktur. Wie bewerten Sie den bisherigen Projektverlauf?

Prof. Hülsken-Giesler: Die Organisation einer angemessenen Unterstützung und Versorgung von hilfe- und pflegebedürftigen älteren Menschen stellt für ihre An- und Zugehörigen häufig eine sehr große Herausforderung dar. Bei steigenden Versorgungsbedarfen kommen diese schnell an Grenzen, auch weil die Kenntnisse über mögliche Unterstützungsleistungen oft gering und die Zugänge zu diesen Leistungen damit häufig erschwert sind. Das ReKo-Angebot umfasst ein pflegespezifisches Case Management, das über die üblichen Leistungsangebote hinausgeht und die Koordination und Steuerung von Unterstützungs- und Versorgungsprozessen übernimmt und damit die Hilfeempfänger und ihre An- und Zugehörigen deutlich entlasten soll. Unsere Arbeiten an der Universität Osnabrück zielen darauf, möglichst genau zu untersuchen, welche Effekte ein pflegespezifisches Case Management mit Blick auf die Leistungsempfänger und ihre An- und Zugehörigen, aber auch mit Blick auf die Einrichtungen der Pflege und das gesamte Gesundheits- und Pflegesystem in der ReKo-Modellregion haben. Natürlich sind unsere Arbeiten (Beginn der Case Management-Aktivitäten ab August 2020) ganz erheblich durch die jüngsten Pandemiebedingungen beeinflusst. Einerseits ist festzustellen, dass der Informations- und Unterstützungsbedarf durch die Kontaktbeschränkungen der letzten Monate erheblich zugenommen hat. Andererseits sind sowohl die Case Management-Arbeiten selbst als auch die Untersuchungen zu den Effekten der ReKo-Maßnahmen durch diese Beschränkungen erheblich beeinflusst. Wir freuen uns sehr, dass sich trotz dieser erschwerten Bedingungen viele Menschen entschlossen haben, die Leistungen des ReKo-Angebotes in Anspruch zu nehmen, möchten aber ausdrücklich alle weiteren hilfe- und pflegebedürftigen Menschen sowie ihre An- und Zugehörigen in der Modellregion dazu ermuntern, sich über die besonderen ReKo-Angebote zu informieren und diese zur eigenen Entlastung in Anspruch zu nehmen.

Prof. Teuteberg: Man merkt, dass wir vorankommen und mit der innovativen Versorgungsform des Case Managements die Versorgung in der Pflege verbessern können. In Bezug auf die IT-Infrastruktur gibt es im Projekt ReKo und auch außerhalb des Projektes noch viele Entwicklungsmöglichkeiten. Diese beinhalten beispielsweise die Integration der Telematik-Infrastruktur, um die Akteure im Gesundheitswesen besser miteinander zu vernetzen. Man muss aber dazu sagen, dass es aktuell schwierig ist, alle Gesundheitsakteure an einen Tisch zu bekommen. Das liegt sicherlich auch an der aktuellen Überlastung durch Impfkampagnen aber auch der grundsätzlichen Belastung durch die Pandemie. Wir hoffen, dass dort in den nächsten Monaten wieder mehr Austausch stattfinden kann. Im ReKo-Projekt selbst haben wir aber hinsichtlich der Digitalisierung bereits einige wichtige Schritte nach vorn machen können. Stellvertretend ist hier die innovative Case Management Software Quovero zu nennen.

Welche Erkenntnisse konnten Sie bislang aus dem Projekt ReKo gewinnen?

Prof. Hülsken-Giesler: Die ersten Eindrücke der Proband*innen bestätigen, dass wir mit unserem Konzept in ReKo einen Nerv getroffen haben.  Sowohl die Proband*innen als auch die Beteiligten aus der Versorgungspraxis wünschen sich eine nachhaltige Verbesserung der pflegerischen Versorgung. Insbesondere pflegende Angehörige zeigen sich erleichtert, dass sie durch ReKo eine zuverlässige Unterstützung in ihrem Alltag erhalten. Hiermit scheinen wir durch die Versorgungsform des Case Managements, die durch eine innovative IT-Plattform unterstützt wird, einen passenden Lösungsansatz zu haben.

Was waren die bislang größten Hürden im Projekt?

Prof. Teuteberg: COVID-19 hat natürlich auch uns getroffen. ReKo besteht aus vielen Kooperationspartnern und regelmäßige Treffen vor Ort sind für uns wichtig, konnten aber aufgrund der Pandemie im Grunde seit nunmehr 15 Monaten nicht stattfinden. Durch Webkonferenzen und eine klare Projektorganisation konnten wir das aber gut lösen. Darüber hinaus ist es Pandemie bedingt bedeutend ressourcenintensiver geworden, Proband*innen zu gewinnen. Hier hatten wir geplant, durch direkte Ansprache vor Ort auf die Bürger*innen zuzugehen. Dies ist aber durch die Kontaktbeschränkungen so bisher nicht möglich gewesen.

Man kann die kritische Situation allerdings auch als Chance sehen. Auch wenn einiges schwieriger geworden ist, so sehen wir, dass wir gerade jetzt den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen eine große Hilfe sein können. Dort hilft es sicherlich, wenn man in Zeiten der Kontaktbeschränkungen zusätzliche Ansprechpartner für seine Bedürfnisse hat.

Wie bewerten Sie die Digitalisierung im Bereich des Case Managements?

Prof. Hülsken-Giesler: Digitalisierung ist gerade in Kontexten der Pflege kein Selbstzweck. Sie muss Mehrwerte gegenüber etablierten Formen der Zusammenarbeit zwischen Hilfeempfänger*innen, pflegenden An- und Zugehörigen und professionellen Akteuren im Pflege- und Gesundheitswesen ausweisen. Dazu muss sie so gestaltet sein, dass sie an die Gewohnheiten und Routinen der Beteiligten anschließt und dennoch Anreize und Anlässe bietet, sich auf neue Formen der Kommunikation und Zusammenarbeit einzulassen. Case Management fördert insbesondere die Vernetzung der beteiligten Akteure mit dem zentralen Ziel, die Unterstützungs- und Versorgungsqualität bei den Hilfeempfänger*innen und ihren An- und Zugehörigen deutlich zu verbessern. Das wird der wesentliche Maßstab zur Bewertung der digitalen Unterstützung von Case Management sein.

Prof. Teuteberg: Wir konnten hier bereits erhebliche Fortschritte erzielen. Hierbei spielt die Case Management Software Quovero eine große Rolle. Im Rahmen der Evaluation haben wir bereits Interviews mit Case Manager*innen geführt, die zeigen, dass Quovero das Fallmanagement erleichtert und wichtige Funktionalitäten zur Unterstützung der Koordination der Pflegeprozesse beinhaltet. Quovero unterstützt alle Phasen des Case Managements. Von der Fallaufnahme und dem Assessment, über die Zielvereinbarung und Hilfeplanung, der Durchführung und Leistungssteuerung bis hin zum Monitoring und der Evaluation und Dokumentation der Interventionsmaßnahmen.

Wir befinden uns jedoch noch ganz am Anfang der Evaluation und es kommen zudem sukzessive wichtige Neuerungen hinzu, die die Arbeit der Case Manager*innen unterstützen. Zu diesen Neuerungen zählt auch das Patientenportal, welches demnächst den Proband*innen zur Verfügung gestellt wird. Hier wird es vermutlich eine Herausforderung sein auch die weniger technisch-affinen Proband*innen an die Nutzung heranzuführen.


Thomas Brust

Geschäftsführung synectic software & services gmbh

synectic unterstützt das Projekt ReKo durch die Programmierung und Anpassung der Software Quovero. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung der Software im Laufe des Projektes?

Wir von synectic freuen uns darüber, für das Projekt ReKo die IT-Plattform zur Verfügung zu stellen. Im Rahmen des Projektes fand von Anfang an ein kontinuierlicher und enger Austausch mit den Case Managern statt, um unsere Software inhaltlich und funktional an die Bedürfnisse ihrer Benutzer anzupassen. Dieser enge Austausch half uns dabei, die Arbeit der Case Manager besser zu verstehen und Quovero ständig zu verbessern. Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung von Quovero innerhalb des Projektes. Wir konnten neue Erfahrungen zum Case Management sammeln und diese in Zusammenarbeit mit den Benutzern umsetzen. Besonders zufrieden sind wir mit der daraus resultierenden Entwicklung des Case Management Moduls. Dieses neue Modul stellt die komplexen Zusammenhänge innerhalb des Case Managements übersichtlich dar, während die Nutzung gewohnt anwenderfreundlich ist.

Was macht Quovero so besonders?

Quovero ist in vielerlei Hinsicht besonders. Die Software bietet dem Benutzer sämtliche Vorteile moderner Software und verbindet diese mit einem anwenderfreundlichen Design, welches in der Vergangenheit bereits prämiert wurde.
Wir arbeiten ständig daran, Quovero zu verbessern und sorgen so dafür, dass Quovero zukunftssicher ist. Unseren Kunden stellen wir regelmäßig neue Funktionalitäten zur Verfügung. So kam eine Funktion zur sicheren Übergabe von Datensätzen an andere Standorte hinzu. Ebenso wurde die Möglichkeit geschaffen, Datensätze in verschiedenen Bereichen komfortabel anlegen zu können, ohne den aktuellen Arbeitsbereich verlassen zu müssen. Hervorzuheben ist auch das Case Management Modul, welches für und mit den Benutzern konzipiert und umgesetzt wurde. Außerdem können beteiligte Akteure aufgrund der Schnittstellen-Offenheit jederzeit problemlos angebunden werden. Das ermöglicht eine Vernetzung aller Beteiligten im Gesundheitswesen.

Welche Erkenntnisse haben Sie durch das ReKo Projekt für die Software gewinnen können?

Durch die enge Zusammenarbeit mit den Case Managern konnten wir viel über deren tägliche Arbeit und die sich daraus ergebenden Anforderungen an die Software lernen. Schwerpunkte, die uns bereits vorher bekannt waren, wie beispielsweise das schnelle Erfassen von Daten, konnten nochmal in einen anderen Blickwinkel gerückt und für unsere Kunden optimiert werden.

Was sind die nächsten Entwicklungen in der Software?

Für die Zukunft ist geplant, auch Betroffenen und Angehörigen einen Zugang zu ihren eigenen erfassten Daten und die direkte Kommunikation mit den Case Managern zu ermöglichen. Es wird eine eigenständige App entwickelt, die die Betroffenen und Angehörigen mehr in das Case Management einbeziehen wird. Außerdem soll über die Anbindung an die Telematik-Infrastruktur ein verbesserter Informationsfluss hergestellt werden. Dies geschieht über die Integration des Versichertenstammdatenmanagement, des Kommunikationsdienstes der TI, der elektronischen Patientenakte und des elektronischen Medikationsplanes.